Feed abonnieren

gender:queer


Homophob sind immer die anderen

Prinz Paula am 17. 12. 2008

Die Siegessäule scheint sich darauf verlegt zu haben, rassistische Zuschreibungen so lange zu wiederholen, bis sie sich bei jedem Leser verfestigt haben. Bereits in der letzten Ausgabe berichtete sie, dass “zwei afrodeutschen Jungs in der U-Bahn” (Hervorhebung von mir) einen Schwulen verprügelten. Warum sollte die Hautfarbe der Täter hier relevant sein, fragten wir uns, und wir fragen uns immer noch. Die Siegessäule recycelt die Geschichte nämlich in ihrer Dezember-Ausgabe und vergisst auch dieses Mal nicht zu erwähnen, dass die Täter “zwei afrodeutsche Jungs” waren. Unter “afrodeutsch” scheinen die Redakteure Sirko Salka und Jan Noll übrigens zu verstehen, dass sie nicht deutsch sind, denn im Text folgt:

“[…] am U-Bahnhof Kaulsdorf-Nord, an dem ebenfalls Ende Oktober ein lesbisches Paar hart attackiert worden war. Zwar handelte es sich in diesem Fall um deutsche Täter […]”

Also, äh… sind Schwarze Deutschen keine Deutschen, oder wie? Aber macht nichts, Schwule sind ja auch keine richtigen Männer.

Lesen wir mal, wie der Satz weitergeht:

“Zwar handelt es sich in diesem Fall um deutsche Täter, dennoch rückten die Ereignisse Fragen zurück ins öffentliche Bewusstsein, die seit Jahren ebenso hartnäckig wie unverhandelbar in Politik und Community zu Sprachlosigkeit führen: Geht homophobe Gewalt in Berlin vor allem von Jugendlichen mit Migrationshintergrund aus?”

Ähm, ich fasse zusammen: es gibt zwei Übergriffe von deutschen Jugendlichen auf Schwule und Lesben, und deshalb stellt sich den Redakteuren die Frage, ob homophobe Gewalt in Berlin vor allem von “Jugendlichen mit Migrationshintergrund” ausgeht.

“Wenn ja, wie diskutieren wir Homophobie, ohne dabei vermeintlich rassistisch zu argumentieren?”

Nun, im Falle eures Artikels ist es dafür zu spät. Das Wörtchen “vermeintlich” soll uns wohl sagen, dass die Argumentation gar nicht wirklich rassistisch sein könne, höchstens so wirken könne.

“Ein Problem liegt in der Bezeichnung: Mit Migrationshintergrund“, findet die Siegessäule. “Die meisten der so genannten Migrantenkinder leben in der dritten, vierten Generation hier, sie sind längst Deutsche.”

Ist das der Versuch, obigen Widerspruch aufzulösen? Wenn die Täter also schon Deutsche seien, dann doch wohl Deutsche mit Migrationshintergrund? Die Bezeichnung “Migrationshintergrund” (gegenüber “Migrant_in”) verschiebt den Fokus: während bei Migrant_innen “Kultur” des Herkunftlandes als Grund für Homophobie postuliert wird, gibt es für “Menschen mit Migrationshintergrund” kein solches Herkunftsland, keine “fremde Kultur”. Was für die Argumentation übrig bleibt, ist lediglich die “Abstammung”. Und zumindest die Betonung, dass die Täter “afrodeutsch” waren, kann man in diesem Zusammenhang schwerlich anders interpretieren, als dass es eigentlich um “Abstammung” und “Rasse” geht.

Und wer sind eigentlich Migrant_innen? Leute aus der Schweiz, den Niederlanden oder Neuseeland? Oder sind eigentlich doch Leute aus der Türkei gemeint? Migrant_innen haben nichts gemeinsam. Auch die oft erwähnte “türkische Kultur”, “der Islam” und ähnliche Konstrukte gibt es nicht als einheitliche, abgeschlossene und unveränderliche Tatsachen.

Im nächsten Absatz könnte man fast glauben, die Siegessäule würde versuchen, die Kurve zu kriegen. “Vielleicht”, schreiben die Redakteure, sollte man sich “nicht unnötig bei der Frage der Herkunft aufhalten, schließlich zählt der gewaltbereite deutsche Teenager aus Marzahn ebenso zum Problem wie der Deutschtürke aus dem Rollbergkiez.” Wahrscheinlich soll man sich jetzt freuen, dass sie die “Frage der Herkunft” vermeintlich aufgeben, über die Klischeebilder hinwegsehen und ignorieren, dass der “deutsche Teenager aus Marzahn demnach nur dann ein Problem ist, wenn er gewaltbereit ist, der “Deutschtürke aus dem Rollbergkiez” aber per se – denn die nächsten Sätze klingen vielversprechend:

“Homophobie ist eher ein soziales als ein kulturelles Phänomen, bei dem recht unterschiedliche Faktoren wie Bildung, Armut, Erziehung, häusliche Gewalt, aber auch Religiosität und tradierte Männerbilder zusammenspielen. Entsprechend vielfältig und nachhaltig müssen Politik und Gesellschaft darauf reagieren.”

Liest man jedoch weiter, scheint einem diese ansatzweise Differenzierung fast wie Hohn, denn der darauf folgenden Absatz schließt nur scheinbar daran an: “Einen deutlichen Ton schlug der Berliner CDU-Politiker Sascha Steuer […] an”, der wieder die pauschale und nicht einmal ansatzweise belegte Behauptung in den Raum stellt: “Immer häufiger haben die Täter Migrationshintergrund.”

Steuer verlangt: “Man muss von den Migranten fordern, dass sie Homosexuelle zu akzeptieren haben, wenn sie in dieser Stadt leben wollen. Wer dazu nicht bereit ist, sollte sich überlegen, unser Land zu verlassen.” Nun ist die CDU ja nicht gerade für ihre Akzeptanz von Homosexuellen bekannt. Muss sie also auch das Land verlassen?

Mir ist schon klar, dass CDU-Politiker nicht abends in Gangs durch die Straßen laufen, um Schwule zu verprügeln. Haben sie ja auch gar nicht nötig. Sie stimmen im Parlament dagegen, homosexuelle Paare rechtlich gleichzustellen. Auch das ist homophob.

In den Akten des Bundesnachrichtendienstes wird übrigens ein leitender Beamter des Kanzleramtes als “kleine fette Schwuchtel” charakterisiert.

Aus solchen Beispielen abzuleiten, dass die weiße christliche deutsche Mainstream-Kultur homophob ist, scheint die meisten zu überfordern. Dafür, dass man die Mainstream-Gesellschaft kritisiert, lässt diese auch keine Fördergelder springen, und überhaupt: Homophob sind schließlich immer die anderen.

Viele Schwule und Lesben springen nur zu gern auf diesen Zug auf: Es war immer schwierig, gegen die Homophobie in der weißen deutschen christlichen Mainstream-Gesellschaft anzugehen, und oft bekam man verbal auf die Fresse dafür und wurde als “Freak” oder “Perverser” marginalisiert. Und jetzt stellen Lesben und Schwule fest, dass es ganz einfach ist, gegen die Homophobie unter “Migranten” zu wettern, dass man dafür Applaus und Fördergelder bekommt – endlich hat man das Gefühl, im Mainstream angekommen zu sein.

Auch lesenswert:

Die Siegessäule-Zitate stammen aus Ausgabe 12/2008, S.18f

Ein Kommentar zu “Homophob sind immer die anderen”

  1. Thommen:

    Die Diskriminierung von Schwarzen war immer aufgrund ihrer Hautfarbe. Niemandem kam es in den Sinn, es sei bei dieser Diskriminierung die Hautfarbe unwichtig… Schon gar nicht die Hautfarbe der weissen oder gar andersfarbigen Täter. Jegliche Art von Menschen mit jeglicher Hauttönung kann sowohl Geschädigter oder TäterIn werden. Ist das so schwer zu verstehen?


    24.01.2009