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Der Presserat missbilligt: taz-Bashing gegen Thomas Beatie

fux am 22. 10. 2008

Am 02.07.2008 veröffentlichte die taz einen widerlichen Artikel “Mutter oder Vater?“, in dem zwei Journalisten den schwangeren Transmann Thomas Beatie diskutieren. Der menschenverachtende Charakter des Kommentars von ARNO FRANK sorgte schnell für Entsetzen, Empörung und heftige Diskussionen.
Außerdem verstößt der taz-Artikel, insbesondere der zweite Teil von Arno Frank, gegen:

  • Pressekodex Ziffer 1: Achtung der Menschenwürde
  • Pressekodex Ziffer 9: Es widerspricht journalistischer Ethik, mit unangemessenen Darstellungen in Wort und Bild Menschen in ihrer Ehre zu verletzen
  • Pressekodex Ziffer 12: Niemand darf wegen seines Geschlechts, einer Behinderung oder seiner Zugehörigkeit zu einer ethnischen, religiösen, sozialen oder nationalen Gruppe diskriminiert werden

Allein die Herangehensweise des Artikels, zwei Menschen über die Identität eines anderen Menschen im Stile eines Pro und Contra entscheiden zu lassen, ist ein Angriff auf die Menschenwürde. Was Arno Frank aber im unteren Teil des Artikels von sich gibt, überschreitet die Mindestintensität für eine Sanktionierung bei weitem, er gibt Respektlosigkeiten von sich, wie man sie selten findet:

Der Kaiser trägt in diesem Fall nicht neue Kleider, sondern ein neues Geschlecht. Das mag ihm glauben, wer will, und derzeit glauben viele Menschen solchen Quatsch sehr gerne

Das Absprechen der eigenen Identität und deren Bezeichnung als „Quatsch“ entwürdigt Trans*Menschen, würdigt sie zu Objekten herab, über die und über deren Identität andere Menschen entscheiden dürfen. Das ist menschenverachtend gegenüber allen Trans*Menschen und eine unangemessene, für Thomas Beatie ehrverletzende Darstellung.

Ebenso gut hätte er sich aber auch statt der Brüste die Beine amputieren, sich Flossen annähen und ein Atemloch in den Rücken stanzen lassen können – um zu behaupten, er wäre fürderhin ein Delfin.

Diese polemische Aussage macht Trans*Menschen lächerlich, entwürdigt sie und stellt sie eher als Karnevalsfiguren dar denn als Menschen. Genau wie obige Aussage ist sie menschenverachtend gegenüber Trans*Menschen sowie eine unangemessene, ehrverletzende Darstellung.

Die Bezeichnung eines Transmanns als „verstümmelte Frau“ geht sogar noch darüber hinaus – würde man eine Frau ohne Brüste „verstümmelt“ nennen, oder würde man das respektlos, entwürdigend und sexistisch nennen? Wenn man sie nicht so nennen würde, warum dann einen Transmann – wo doch die meisten Personen, denen nach ihrer Geburt das männliche Geschlecht zugewiesen wurde, ebenfalls keine Brüste haben?

Thomas Beatie wird in diesem Artikel aufgrund seines Geschlechts diskriminiert – hätte die Geschichte von einer schwangeren Frau gehandelt, hätte die taz die Geschichte nicht als „bescheuert“ bezeichnet, die Identität nicht als „Quatsch“ und die schwangere Person nicht als „schrecklich verstümmelt“ – auch dann nicht, wenn sie, genauso wie Beatie, die Brüste wegoperiert hätte und früher Testosteron genommen hätte (beides kommt vor, zum Beispiel wenn die Brüste nach Brustkrebs abgenommen werden oder wenn Sportlerinnen sich früher mit Testosteron dopten). Es ist Beaties Geschlecht als Mann, das den Schreiber veranlasst, ihn auf diese Weise in seiner Menschenwürde zu verletzen.

Da Frank sogar versucht, Beatie das Mannsein abzusprechen, wäre eine andere Sichtweise, dass der Artikel Beatie aufgrund seiner Zugehörigkeit zur sozialen Gruppe der Trans*Menschen diskriminiert. Solche diskriminierenden Aussagen und Anspielungen wie im genannten taz-Artikel verstärken bestehende Vorurteile gegen Minderheiten in einer Gesellschaft, in der viele Trans*Menschen täglich Geringschätzung und Diskriminierungen erfahren, in der transphobe Übergriffe keine Seltenheit sind.

Wir freuen uns, dass einige dem Aufruf gefolgt sind und beim Deutschen Presserat eine Beschwerde eingereicht haben. Das war ein großer Erfolg – der Deutsche Presserat sprach eine Missbilligung aus, das ist die zweithöchste Sanktion.

Ein Kommentar zu “Der Presserat missbilligt: taz-Bashing gegen Thomas Beatie”

  1. Nachwehen bei der taz | i heart digital life:

    […] So fing er an, der viel diskutierte Pro & Contra Text über Thomas Beaties Schwangerschaft in der tageszeitung vom 2. Juni dieses Jahres, über den ich hier geschrieben habe. Gegen den Text von Arno Frank wurde Beschwerde beim Deutschen Presserat eingelegt und dieser hat eine Missbilligung ausgesprochen. […]


    31.12.2008