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gender:queer


Nackig am Flughafen

Prinz Paula am 23. 10. 2008

Die EU-Kommission will Nacktscanner auf Flughäfen erlauben. Diese Geräte erzeugen über elektromagnetische Strahlen ein dreidimensionales Bild, auf dem die Passagiere unbekleidet zu sehen sind, einschließlich ihrer Genitalien. In Amsterdam, Zürich und London sind die Nacktscanner bereits im Einsatz.

Zunächst hat man wohl noch die Wahl, ob man sich abtasten oder nacktscannen lässt. Die Monitore werden jedenfalls in einem abgetrennten Raum stehen, in dem sich die Kontrolleur_innen ungestört über die körperlichen Vorzüge, Unzulänglichkeiten und Anomalien der Passagier_innen unterhalten können. “Hey, die hat einen Schwanz!”, “hey, der hat gar keinen Schwanz!”, “ist das ein Mann oder eine Frau?”.

Bisher hieß es, dass die Reisefreiheit für Transmenschen gewährleistet wird, indem jene, die die Vornamensänderung, nicht aber die Personenstandsänderung haben, die Geschlechtsangabe im Reisepass ändern lassen konnten. Wie sieht diese Freiheit unterm Nacktscanner aus? Werden zunächst alle, die nicht ins Zweigeschlechtersystem passen, automatisch verdächtigt, unter einer falschen Identität zu reisen und müssen mühsam das erklären, was die Kontrolleure eigentlich gar nichts angeht?

Im Millus-Blog findet sich der Hinweis:

“Frauen werden nur von Frauen gescannt und Männer nur von Männer.”

Das beruhigt uns natürlich total! Und jetzt holen Sie doch bitte ihren Transgender von Dienst, ich möchte auch mal gescannt werden. Oder, nein, warten Sie, ich nehme doch lieber das Schiff…

Aber nicht nur für Transleute stellt dies einen krassen Eingriff in die Privatsphäre dar. Das Blog Datenschutz ist Bürgerrecht schreibt dazu:

“Nach dieser Neu-Regelung dürften die Bewerberzahlen um die Jobs an den Sicherheitskontrollen nach oben schnellen, die Anzahl der Flugreisenden dagegen in den Keller sinken. Denn wenn man seine Menschenwürde und Privatsphäre bereits am Flughafen abgeben muss, ist auch der schönste Karibik-Urlaub kein Ersatz.”

Unter dem schönen Titel “Exhibitionisten aller Länder vereinigt Euch” stellt Martina Kausch die Frage:

“Und da wundern sich die EU-Kommissare, dass sich immer mehr Menschen von der EU abwenden?”

Das Anti-Terror Blog weist unter der Überschrift “Mach dich nackich, du Sau!” darauf hin, dass die Terroranschläge in Europa bisher auf den öffentlichen Nahverkehr verübt wurden, nicht auf Flugzeuge. Was bringt dann die Verstärkung der Kontrollen an den Flughäfen?

“Der Grund ist ziemlich simpel: Es gibt halt viel weniger Flughäfen als U-Bahn-Stationen, die zu überprüfenden Passagiere kommen also an wenigen Orten zusammen und können viel effektiver überprüft werden. Terroristen zieht es deshalb schon lange nicht mehr dorthin, jedenfalls nicht, um Flugzeuge zu entführen.”

Es gehört aber nicht viel dazu zu prognostizieren, dass in Zukunft auch Bahnhöfe stärker überwacht werden, als es bereits der Fall ist – wahrscheinlich ebenfalls mit rhetorischen Brückenschlägen zur angeblich allgegenwärtigen Terrorismusgefahr. Wir erinnern uns: Letztes Jahr testete das BKA im Mainzer Hauptbahnhof ein Überwachungssystem zur Gesichtserkennung. Dass das System scheiterte und das BKA einräumen musste, dass die 2D-Gesichtserkennung zur Fahndung ungeeignet ist, ließ sie nicht vom Überwachungswahn abrücken: Zur Zeit werden im Rahmen von EU-geförderten Forschungsprojekten 3D-Gesichtserkennungssysteme getestet – erste Ergebnisse werden für 2009 erwartet. Inzwischen will auch die BVG am U-Bahnhof Kottbusser Tor Videoüberwachung mit biometrischer Gesichtserkennung testen. Der Berliner Datenschutzbeauftragte Alexander Dix kritisiert, dass die biometrische Gesichtserfassung bisher jeder rechtlichen Grundlage entbehrt.

Die totale Kontrolle? Sicherheit statt Freiheit, Überwachung statt Privatsphäre?

Quelle: Spiegel Online