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gender:queer


Evangelikale auf Kreuzzug gegen Schülerzeitung

Prinz Paula am 23. 12. 2008

Q-rageDie beiden 18jährigen Schüler Samuel und Hannes haben für die Schüler_innen-Zeitung Q-rage einen kritischen Artikel über Evangelikale und das Christival geschrieben. Darin kommen beide Seiten zu Wort, die 19jährige evangelikale Leonie und der 18jährige Christival-Gegner Tobias. Sicherlich bezieht der Artikel Stellung und schreibt kritisch über die evangelikalen Einstellungen zu Homosexualität und Abtreibung.
(Die Q-rage-Ausgabe ist auf der Projektseite inzwischen nicht mehr downloadbar, dafür aber bei Spiegel Online).

Es ist ein guter (und harmloser) Artikel, der sich das Recht auf eine eigene Meinung erlaubt. Weiter nichts.

Den Evangelikalen gefällt es aber gar nicht, dass sie kritisiert werden. Diskriminierung, schreien sie, und finden es “ungeheuerlich, dass ein solches Projekt aus unseren Steuermitteln finanziert und damit vom Staat subventioniert wird”. Sie fordern den Rücktritt des Präsidenten der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) und eine Distanzierung der Bundesregierung – von dem Artikel der beiden 18jährigen Schüler?

Aber auch an dem Begleitschreiben des Präsidenten der bpb, das an die Schulen verschickt wurde, stoßen sie sich. Darin heißt es:

“In der Zeitung finden sich interessante Informationen, wie islamistische und evangelikale Gruppen, die wichtige Freiheitsrechte in Frage stellen, Jugendliche umwerben.”

Nun üben evangelikale Gruppen, unter anderem der Dachverband “Evangelikale Allianz”, massiven Druck auf die bpb aus, damit sie sich von den Texten distanziert. Zu der Frage, ob Evangelikale verfassungsfeindlich oder fundamentalistisch sind, kann man zum Beispiel bei Nerdcore oder der taz weiterlesen, mir geht es eigentlich nicht um deren Einstellungen.

Courage?

Was ich übel finde, ist, dass die bpb einknickt und ihnen das Wort redet. Der bpb-Präsident Thomas Krüger:

„Die bpb hält diesen Beitrag in seiner Einseitigkeit und Undifferenziertheit für gänzlich unakzeptabel. Ich bin sehr dafür, sich kontrovers mit Themen zu beschäftigen. Aber wir können keinen Schutzschirm aufspannen für Beiträge, die nicht unserer differenzierten Herangehensweise entsprechen.”

An der Stelle habe ich mich gefragt, ob er den Artikel inzwischen gelesen hat. Aber darum geht es wahrscheinlich gar nicht – den Artikel als “einseitig und undifferenziert” abzutun, kann eigentlich nur politische Gründe haben.

Krüger distanzierte sich nicht nur von dem Artikel, sondern auch von seinem Begleitschreiben, offenbar auch auf Druck seitens der Politik. Zudem bot er eine Debatte zwischen den Verfassern des Textes und Vertretern der Evangelikalen an, die in der nächsten Ausgabe der Q-Rage veröffentlicht werden solle.

Dem Vorsitzenden des Kuratorium der bpb, dem CDU-Bundestagsabgeordneten Ernst-Reinhard Beck, genügt das nicht: er erwartet eine “ausführliche Richtigstellung und eindeutige Entschuldigung”. In seinem Büro würden sich “Protestbriefe stapeln”. Ja, dann… dann lassen wir die Kids eben im Regen stehen.

Was lernen die daraus? “Die da oben” erzählen den Schüler_innen irgendwas von Courage, davon, seine eigene Meinung zu vertreten, ziehen aber selber ganz schnell den Schwanz ein.

“Pro und Contra Rassismus”?

Der Vorsitzende Ernst-Reinhard Beck (CDU) und sein Stellvertreter Dieter Grasedieck (SPD) erklärten:

“Wir halten eine ausgewogene Darstellung politischer und gesellschaftlicher Sachverhalte für unbedingt notwendig.”

Stefan Niggemeier kommentiert:

Vielleicht sollte „Q-rage” dann gleich noch seinen Untertitel ändern. Von „Schule ohne Rassismus” in „Rassismus in der Schule – Pro & Contra”.

Dieser Titel wäre übrigens wirklich passender: In derselben Ausgabe der Q-rage wird im Pro- und Contra-Stil darüber diskutiert, ob das Wort “N…-Kuss” rassistisch ist oder nicht. Ohne Kommentar.

3 Kommentare zu “Evangelikale auf Kreuzzug gegen Schülerzeitung”

  1. antifaunited:

    Interessant ist das schon, das ausgerechnet die, die immer mit “Schwulen-Heilung” daher kommen und massig diskriminieren, nun auf einmal etwas von diskriminierung schreien, wenn sie kritisiert werden.

    Sind eben doch nur Religiöse Fanatiker


    31.12.2008
  2. Flüge New York:

    Religion sollte keinen politische Einfluss haben, und schon gar nicht bezogen auf Meinigsfreiheit von 18 jährigen journalistisch neutralen Schülern. Das gegen einen solchen Artikel gewettert wird ist schon Skandalös. Den jungen Menschen im System von Deutschland wird von klein auf Meinungsfreíheit und kritische Reflektion gelehrt, und wenn es dann auf Reaktionen trifft werden die Grundsätze unserer Gesellschaft über den Haufen geworfen. Im Endeffekt geht es allen nur um Macht und Geld, den religiösen Fanatikern und auch den Menschen die sich um die politische Bildung kümmern sollten. Verkorkste Welt halt. Wie sollen unsere Kinder lernen die Welt ein Stückchen besser zu gestalten wenn all das, worauf unser System beruht bei Kritik von mächtigen Gruppen über den Haufen geworfen wird? Das ist unzumutbar!! Pressefreiheit ist ein absoluter Grundsatz! Wie kann es sein das ein kritischer Text mit Ansicht beider Blickwinkel also aufeinmal nicht mehr tragbar ist? Die Religion hat übrigens die meisten Kriege und Opfer zu verantworten. Die Kriege und Inquisition um das Christentum hat mehr Menschen das Leben gekostet als beide Weltkriege inklusive Holocaust zusammen! Das macht die Kirche zum größten Verbrecher und Menschenrechtsverletzer der Weltgeschichte. Schade das daraus niemand offiziell Konsequenzen zieht. Die Menschen und Staaten sollten sich auf vernünftigen Menschenverstand, anstatt auf religiöse Lehren berufen. Liebe, Toleranz und Gleichheit kann auch ohne religiösen Hintergrund vermittelt werden.
    Die Unterbindung eines solchen Artikels spiegelt den Wahnsinn solcher Institutionen wieder. Wenn die freie Publizierung offensichtlich harmloser Texte unterbunden wird ist das politische Einflussnahme in freiheitliche Grundrechte der BRD. Um frei zu sein braucht man Rückgrad, was in diesem Fall vermisst wird, schade, dass es teilweise immernoch so wie im Mittelalter zugeht.
    Religion gehört abgeschafft!
    Damit die Welt endlich in Frieden miteinander leben kann!


    27.02.2009
  3. Kirchensumpf:

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    25.06.2009