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Disablism sagt hallo: Sex gerichtlich verboten, weil “IQ zu niedrig”

Prinz Paula am 11. 02. 2011

In Großbritannien lebt ein 41-jähriger Mann lebt in einer schwulen Beziehung, die er gern weiterhin aufrecht erhalten würde. Doch ein Gericht verbot ihm nun generell, Sex mit anderen Personen zu haben. Klingt irgendwie menschenrechtswidrig? Ja, aber – “der ist doch behindert!”

Die Gemeinde seines Wohnortes stellte den Mann, der in seiner eigenen Wohnung lebt, unter strenge Kontrolle und verbot ihm den Kontakt mit seinem Freund sowie generell Sex mit anderen Personen (er darf noch im Bett oder im Bad masturbieren) – mit der absurden Begründung, dass sein IQ zu niedrig sei, um Sex zu haben. Dem Mann wird ein IQ von 48 zugeschrieben, wodurch er als lernbehindert gilt. Im Juli 2009 stimmte ein Bezirksgericht dem vorläufig zu, Ende Januar 2011 wurde die Entscheidung vom Vormundschaftsgericht bestätigt.

Der Richter sagte, der Fall sei “rechtlich, intellektuell und moralisch” komplex, weil Sex “eine der grundlegendsten menschlichen Funktionen” sei und ein Verbot tief in bürgerliche Freiheiten und persönliche Autonomie eingreife. Das Gericht müsse “mit solchen Fällen behutsam umgehen”, sprich: verbieten, natürlich “im besten Interesse” des Mannes.

Die Vorstellung, dass Menschen mit Lernbehinderung einen besonders starken Sexualtrieb hätten, hat in unserer Gesellschaft eine lange Tradition. Der Gemeinderat argumentierte vor Gericht, der “starke Sextrieb” des Mannes sei “unangemessen”.

Auch hätte der Mann angeblich obszöne Gesten gegenüber einem Jungen in einer Arztpraxis und zwei Mädchen in einem Bus gemacht, die er angeblich auch betatscht haben soll. Solche Geschichten klingen für mich ganz stark nach einem Vorwand: “Der ist doch gefährlich. Für die Kinder!!” Beweise für die Behauptungen hat vor Gericht meines Wissens niemand verlangt, und selbst wenn sie wahr wären, wären sie bei Personen, die als nicht-behindert gelten, kein valides Argument, ihnen die Beziehung zu ihrem erwachsenen Freund zu verbieten.

Andererseits werden Menschen mit Lernbehinderung verkindlicht dargestellt. Auch wenn sie erwachsen sind, wird ihnen keine Sexualität zugestanden. Wenn sie dann doch, wie die meisten Menschen, Sex haben oder gern hätten, gilt das als “unangemessen starker Sexualtrieb”, als gefährlich Animalisches, das in ihnen lauert.

Welchen IQ bräuchte man, um Sex haben zu dürfen?

Der Richter ist der Ansicht, dass die Fähigkeit, einer sexuellen Beziehung zustimmen zu können, vor allem von drei Punkten abhängt:

  1. Ob die Person weiß, wie Geschlechtsverkehr abläuft (sagt es bloß keinem Richter, aber ich wusste gar nicht, dass es da einen vorgeschriebenen Ablauf gibt. Ich dachte jetzt glatt, dass das die beteiligten Personen selbst entscheiden). Hierbei wurde dem Mann übrigens bescheinigt, die “Mechanik der gegenseitigen Masturbation und des analen Geschlechtsverkehrs” zu verstehen. Ich will nicht wissen, was das für eine peinliche Befragung war.
  2. Ob die Person weiß, dass Sex gesundheitliche Risiken mit sich bringen kann. Das Gericht kam zum Schluss, sein Wissen über mögliche Gesundheitsgefährdungen sei beschränkt und falsch – mag ja sein, aber das trifft irgendwo auf die meisten Leute zu, wenn wir mal ganz ehrlich sind. Der Mann wusste, was ein Kondom ist, konnte es aber vor Gericht einer Penis-Prothese nicht korrekt überziehen. Ob er und sein Partner Kondome verwendet haben oder nicht, weiß man (zumindest aus den Zeitungsberichten) nicht. Hey, wisst ihr was? Es gibt sogar Leute, die weigern sich, ein Kondom zu verwenden! Z.B. Katholiken. Hat schon mal ein Gericht versucht, einem Katholiken deshalb den Sex zu verbieten?
  3. Ob die Person weiß, dass Sex zwischen Mann und Frau zu einer Schwangerschaft führen kann. Klar, man muss sich mit heterosexuellem Sex auskennen, um schwulen Sex haben zu dürfen.

Die Rechtsgrundlage, soweit man davon sprechen kann, bildet der Mental Capacity Act von 2005. Danach können Richter weitreichende Entscheidungen für Personen treffen, die als lernbehindert gelten, wenn diese für die Entscheidung relevante Informationen nicht verstehen oder die im Zuge einer Entscheidungsfindung nicht abwägen und anderen mitteilen können. Das Gesetz sieht explizit die Möglichkeit vor, den Kontakt zu bestimmten Personen zu verbieten, von einem generellen Sex-Verbot ist allerdings nicht die Rede. Das Urteil gilt zunächst “nur” für die nächsten 9 Monate. Während dieser Zeit muss die Gemeinde für eine geeignete Sexualerziehung (sex education) sorgen, danach wird das Sexverbot erneut geprüft. Darüber bestand vor Gericht wohl keine Einigkeit: Ein Psychiater, der in den Fall involviert war, hatte sich dagegen ausgesprochen, dass der Mann überhaupt sexuell aufgeklärt würde, “weil es ihn verwirren würde”.

Gefunden bei Telepolis.