Feed abonnieren

gender:queer


ABA Erfolgsgeschichten

fux am 11. 11. 2008

Folgender Text ist meine Übersetzung des Artikels ‘ABA success storiesvon Michelle Dawson, die ich mit freundlicher Genehmigung der Autorin veröffentliche:

Kinder mit gestörter Genderidentität brauchen dringend Behandlung.

Dieses Zitat stammt aus Rekers, Bentler, Rosen & Lovaas (1977). Das ist die Schlussfolgerung eines von vielen Artikeln, von prominenten Forscher_innen geschrieben und von Expert_innen begutachtet, in denen eine hochgradig erfolgreiche intensive ABA-basierte Behandlung verteidigt wird (siehe auch Rekers, 1977; Rosen, Rekers & Bentler, 1978; Rekers, Rosen, Lovaas & Bentler, 1978). Diese Behandlung war Teil des UCLA Feminine Boy Project, das eine Zeitlang mit dem UCLA Young Autism Project konkurrierte. Von seinem beispiellosen Erfolg bei der Behandlung dessen, was als hartnäckige Pathologie galt, berichteten die vom NIH geförderten UCLA-Forscher_innen in kreuzbegutachteten Zeitschriftenartikeln (Rekers & Lovaas, 1974; Rekers, Lovaas & Low, 1974). Eins der definierten Ziele dieser Behandlung war, Homosexualität zu “heilen” oder “vorzubeugen”.

Die UCLA-Forscher_innen schrieben wiederholt, dass die kleinen Jungs, die Zielgruppe ihrer intensiven ABA-basierten Behandlung, fürchterlich litten und Schmerzen hätten. In allen möglichen Bereichen (physischen, emotionalen, wirtschaftlichen, sozialen usw.) beschrieb man ihre Prognose als “extrem schlecht” mit einem hohen Risiko für kriminelles, antisoziales und selbstschädigendes Verhalten. Ihre Zukunft bestand aus “vielen lähmenden Schwierigkeiten” und “Schmerz, Unglück und Verzweiflung” (alle Zitate aus Rekers et al., 1977).

Dann waren da noch die Eltern dieser laut Berichten schwerst gestörten Kinder – die Eltern, deren Bedürfnisse, Werte und Ziele als vorrangig betrachtet wurden. Von daher bestand den UCLA-Forscher_innen zufolge eine “moralische und ethische Pflicht”, zu intervenieren und eine Behandlung zu gewährleisten, deren Wirksamkeit erwiesen war. Der grundlegende Zweck dieser verhaltensanalytischen Behandlung war, schrieben sie:

Kindern zu helfen, deren Gegenwart und Zukunft von solchem Elend erfüllt ist, dass es offenkundig unethisch wäre, ihnen professionelle Hilfe nicht zu gewähren. (Rekers et al., 1977)

Eines dieser hoffnungslosen Kinder, das, beginnend mit dem Alter von 4 Jahren, erfolgreich behandelt wurde (seine Behandlung ist bei Rekers & Lovaas, 1974 beschrieben) und daher “ununterscheidbar” geworden war von den Jungs, die als normal und gesund galten, wurde im Alter von 17 und 18 Jahren ausführlich interviewt. Hier sind einige Auszüge aus diesen Interviews (er heißt hier “Kyle”), die Richard Green (“RG”) geführt und in dem Buch von Dr. Green (Green, 1987) veröffentlicht hat:

RG: Diese Art von Gefühl, das du heute Abend mit diesem Jungen hattest, der dich angeguckt hat und dir Unbehagen bereitete – wann ist dir das schon mal passiert?

Kyle: Ich vermute, ich war, seit ich mich erinnern kann, sehr empfindlich dafür, wenn Jungs mich angeschaut haben oder sowas, weißt du, nachdem mir meine Mutter gesagt hat, warum ich zu UCLA gehen musste, weil sie befürchteten, ich würde mich in einen Homosexuellen verwandeln.

…..

RG: Ich bin sicher, du weißt, dass die Gesellschaft kontrovers diskutiert über Homosexualität und darüber, ob es Homosexuellen erlaubt sein sollte, Lehrer zu werden, öffentliche Ämter zu bekleiden, gleiche Chancen zu haben im Beruf, Wohnen, also die Frage der Bürgerrechte im Ganzen. Wie siehst du diese Angelegenheit?

Kyle: Ich denke nicht, dass sie es sollten, weil… gut, ich glaube an Gott und so und ich denke, das ist eine ziemlich schlimme Sache, und ich denke, sie sollten versuchen von wasauchimmer Hilfe zu bekommen, aber ich denke, das ist ziemlich schlimm, und ich denke nicht, dass sie in der Nähe sein sollen und womöglich Kinder beeinflussen, weil Kinder sehr leicht zu beeinflussen sind, kleine Kids.

RG: Willst du sagen, dass Homosexualität eine Sünde ist?

Kyle: Ich vermute, das ist sie. Ich denke nicht, dass die Gesellschaft ihnen wehtun soll oder sowas – besonders in New York. Da hast du die, die stehen auf Leder und solches Zeug. Ich meine, ich denke, das ist richtig krank, und ich denke, sie sollten vielleicht entfernt werden.

…..

RG: Wann hast du dich zum ersten Mal in einen anderen Mann verknallt?

Kyle: Wahrscheinlich als ich in der siebenten Klasse war.

RG: An was erinnerst du dich, als du zum ersten Mal verknallt warst?

Kyle: Ich fand das nicht gut, was passierte.

RG: Hat es dir Angst gemacht?

Kyle: Hat es.

RG: Hat es dich überrascht?

Kyle: Nicht wirklich.

RG: Warum nicht?

Kyle: Weil ich das ganze UCLA-Zeug durchgemacht habe und all das. Also wusste ich.

RG: Warum sollte das UCLA Zeug -?

Kyle: Na, weil das war der Grund, dass ich hingehe, damit ich nicht schwul würde.

…..

(über seine erste homosexuelle Begegnung im Alter von 18 Jahren)

Kyle: Das war, als wäre ich nicht real. Und danach, einige Wochen später, habe ich versucht mich umzubringen.

RG: Erzähl mir davon.

Kyle: Ich schluckte um die 50 Aspirintabletten.

RG: Wolltest du wirklich sterben?

Kyle: Ich denke, ich wollte es wirklich, aber ich wusste, ich werde nicht sterben. Aber ich wollte es wirklich.

RG: Warum?

Kyle: Weil ich will nicht aufwachsen, um schwul zu sein.

RG: Wie stark beeinflussen religiöse Gefühle dein Denken?

Kyle: Nicht wirklich stark, ich denke nicht. Es ist ziemlich stark, aber das geht mehr von mir aus. Ich will nicht so sein. Aber die Religion ist auch ziemlich stark. Weil ich weiß, das es falsch ist.

RG: Hast du das Gefühl, es ist eine Sünde?

Kyle: Ja.

RG: Ich bin nicht sicher, ob ich verstehe: ist es die Vorstellung, schwul zu sein, oder die Vorstellung, dass Homosexuelle kein glückliches Leben leben, das noch mehr–

Kyle: Ich denke, es ist beides.

RG: Es ist beides.

Kyle: Selbst wenn ich schwul wäre, könnte ich glücklich sein und alles, aber ich weiß, ich würde wissen, dass es falsch ist. Ich weiß, dass es so wäre.

Kyle stellt auch fest, er wäre ein “total hoffnungsloser Fall”, hätte er sich nicht der UCLA-Behandlung unterzogen. Auf die Frage, was er tun würde, wenn er eines Tages Vater von einem vierjährigen Jungen mit femininen Verhaltenweisen wäre, sagte Kyle, dass er dieses Kind in eine Einrichtung wie UCLA bringen würde, um es behandeln zu lassen.

In dem selben Buch wurde Kyles’ Mutter interviewt und sie äußerte ihre Dankbarkeit für die ABA-basierte Behandlung, die das Verhalten ihres Sohnes verändert hat.

Der andere Junge, Carl, dessen erfolgreiche ABA-basierten Behandlung in der Literatur geschildert wird, äußerte sich (im Alter von 12 Jahren) ebenfalls positiv über die Behandlung, die er bekam, und ihre Resultate. Aus (Rekers, Lovaas & Low, 1974):

Nach unserer Verhaltenstherapie konnten zwei unabhängige Psychologen keine Anzeichen für feminines Verhalten oder Identifikation in Carls Test-Antworten und Verhalten während des Interviews finden. Nicht nur Familie und Freunde bemerkten die Veränderung bei Carl, auch er selbst sagte von sich aus, er “war queer, aber jetzt nicht mehr”. Die Behandlung hat ganz klar Carls Verhaltensweisen in Hinsicht auf Gender offenkundig verändert, und das legt nahe, dass die Entwicklung seiner Geschlechtsrolle normalisiert worden war.

Das war zu der Zeit, als “queer” ein unzweideutig abwertendes Wort war. Carls Eltern waren dem Bericht zufolge zufrieden; seine Mutter war “erfreut”.

Also, nach allen Berichten war diese frühe intensive ABA-basierte Behandlung ein riesiger Erfolg für alle Beteiligten. Alle waren – so die Berichte – sehr glücklich darüber: die Eltern, die diese Behandlung wollten, die Jungs, die dieser Behandlung unterzogen wurden, und die Verhaltensanalytiker_innen, die diese Behandlung anboten.

Hier wieder einmal die UCLA-Forscher_innen im O-Ton und ihre wirkungsvolle Verteidigung ihrer erfolgreichen ABA-Behandlung:

Es wurde zum Beispiel angedeutet, dass das einzige geeignete Ziel für Psychotherapeuten, die mit homosexuellen Personen arbeiten, darin bestünde, ihnen zu helfen, sich mit ihrer homosexuellen Orientierung und Verhalten zu arrangieren. Einige Kritiker gehen sogar so weit, dass sie eine Überweisung an einen “Gay Counseling Center” für noch geeigneter halten, mit dem Ziel, die Person mit anderen ähnlichen Personen in Kontakt zu bringen. Wir finden diese Argumentation völlig inakzeptabel und unverantwortlich. (Rekers et al., 1977)

Und:

Die fehlende Unparteilichkeit von “gay counseling” legt weitere Einschränkungen auf das persönliche Wachstumsvermögen auf und unterstützt unnötigerweise das hemmende Verhaltensmuster persönlicher Anpassung. (Rekers et al., 1977)

Das heißt, jede Aktion in Richtung der Akzeptanz von Homosexualität wurde als schädlich und unethisch erachtet.

Die Welt wäre jetzt ganz anders, sie wäre in jeder Hinsicht enger und ärmer, wenn das Gegenstück der heutigen Autismus-Lobby die Oberhand erlangt hätte, wenn seriöse Kritik – einschließlich der Kritik des legendären Verhaltensanalytikers Donald M. Baer (Nordyke et al., 1977) – diese wie verlautet erfolgreiche ABA-basierte Behandlung nicht zu Fall gebracht hätte. In einer besonders wichtigen und besonders vergessenen Schrift der Literatur zur Verhaltensanalyse machte Dr. Baer und seine Kolleg_innen dieses Statement:

Der ausschlaggebende Grund für Behandlung war, dass die Eltern des Jungen besorgt waren. Wenn Therapeuten nur diesen Standpunkt in Betracht ziehen, dann wird der Therapeut zum Erfüllungsgehilfen der Eltern und nicht des Kindes oder der Gesellschaft. Kann ein Therapeut eine so kurzsichtige Rolle rechtfertigen? Welche Konsequenzen entstehen für das Fach und für die Gesellschaft, wenn das die übliche Praxis werden sollte? Es ist schwer für einen Therapeuten, sich aller Aspekte einer Verhaltensmodifikation bewusst zu sein, über die nicht die Person bestimmt, deren Verhalten infrage gestellt wird, sondern andere Akteure wie Eltern oder Gerichte. Das trifft insbesondere zu, wenn die Behandlung nicht auf Wunsch der zu behandelnden Person stattfindet. In solchen Situationen kann es für Therapeuten sehr wichtig und besonnen sein, andere Menschen zu konsultieren, die mehr Ahnung von diversen beteiligten Aspekten haben. […] [W]enn Therapeuten Vertrauen in die ethische Vertretbarkeit ihrer Behandlung gewinnen wollen, sollten sie sich vor Behandlungen hüten, die sich stumpfsinnig gegen die Vielfalt in der Gesellschaft richten. (aus: Nordyke et al., 1977)

[Für weitere Informationen über das UCLA Feminine Boy Project siehe diesen Artikel über ABA-basierte Autismus-Intervention [s. deutsche Übersetzung]. Die Arbeit von Ivar Lovaas mit femininen Jungs wurde auch in meiner schriftlichen Erörterung zum Auton-Prozess erwähnt.]

Literatur:

Green, R. (1987). The “Sissy Boy Syndrome” and the development of homosexuality. New Haven: Yale University Press.

Nordyke, N.S., Baer, D.M., Etzel, B.C., & LeBlanc, J.M. (1977). Implications of the stereotyping and modification of sex role. Journal of Applied Behavior Analysis, 10, 553-57.

Rekers, G.A. (1977). Atypical gender development and psychosocial adjustment. Journal of Applied Behavior Analysis, 10, 559-71.

Rekers, G.A., Bentler, P.M., Rosen, A.C., & Lovaas, O.I. (1977). Child gender disturbances: A clinical rationale for intervention. Psychotherapy: Theory, Research and Practice, 14, 2-11.

Rekers, G.A., & Lovaas, O.I. (1974). Behavioral treatment of deviant sex-role behaviors in a male child. Journal of Applied Behavior Analysis, 7, 173-90.

Rekers, G.A., Lovaas, O.I., & Low, B. (1974). The behavioral treatment of a “transsexual” preadolescent boy. Journal of Abnormal Child Psychology, 2, 99-116.

Rekers, G.A., Rosen, A.C., Lovaas, O.I., & Bentler, P.M. (1978). Sex-role stereotypy and professional intervention for childhood gender disturbance. Professional Psychology, 9, 127-136.

Rosen, A.C., Rekers, G.A., & Bentler, P.M. (1978). Ethical issues in the treatment of children. Journal of Social Issues, 34, 122-36.

Ein Kommentar zu “ABA Erfolgsgeschichten”

  1. Schon wieder: Rassismus in der Siegessäule | gender:queer:

    […] « Nackig am Flughafen ABA Erfolgsgeschichten […]


    13.11.2008