Feed abonnieren

gender:queer


Heinz-Jürgen Voß: Making Sex Revisited. Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive

fux am 02. 07. 2010

Biologisches Geschlecht zu leugnen, ist Häresie. Dass Gender sozial hergestellt ist, hat sich inzwischen herumgesprochen; aber dass Menschen bis auf seltene pathologisierte ‘Anomalien’ stets ‘weiblich’ oder ‘männlich’ seien, gilt nach wie vor als ‘Tatsache’ in unserer Gesellschaft. Vermeintliche biologisch gestützte Geschlechterunterschiede sind beliebtes Thema populärwissenschaftlicher Medien und stoßen selbst bei Menschen, die Geschichten über Mars und Venus, Zuhören und Einparken zu plump finden, nicht auf Widerspruch. Im Gegenteil, sie belehren uns noch über die neuesten Erfindungen der Hirnforschung und würzen ihr ‘Fachwissen’ mit eigenen Beobachtungen, die, so sehr man auch an die Gleichheit der Geschlechter glauben wollte, eindeutig belegen, dass ‘Männer’ und ‘Frauen’ doch ganz verschieden seien.

Lästige Diskussionen, die ein_e Häretiker_in immer wieder führen muss, sind dabei noch das Harmloseste an der institutionalisierten Zweigeschlechtigkeit, bildet sie doch das theoretische Fundament für Verstümmlung von Kleinkindern mit ‘uneindeutigen’ Genitalien, gesetzlich verordnete Menschenrechtsverletzungen von Trans*Menschen, Benachteiligung gleichgeschlechtlicher Lebensweisen etc.

Nun kann die Zweigeschlechtigkeit auch aus naturwissenschaftlicher Sicht guten Gewissens begraben werden, denn die Dissertation von Heinz-Jürgen Voß „Making Sex Revisited. Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive“, erschienen im Transcript Verlag, zeigt, dass auch biologisches Geschlecht gesellschaftlich gemacht ist. Auf ca. 400 Seiten wird die verbreitete Auffassung, wonach sich ‘Geschlecht’ ‘weiblich’ oder ‘männlich’ auspräge, fundiert und überzeugend widerlegt.

Die Untersuchung ist in drei Kapitel gegliedert und beginnt mit einer quellenreichen historischen Darstellung von Geschlechtskonzepten seit der griechisch-römischen Antike bis in die Neuzeit.

Neben dem am stärksten rezipierten Konzept des Arztes Galenos von Pergamon, „nach dem sich die Geschlechtsteile entsprächen, die weiblichen aber nach innen und die männlichen nach außen gekehrt seien“ (S. 80), existierten in der Antike vielfältige Konzepte von Geschlecht. Zeugung und Vererbung standen in naturphilosophischen und medizinischen Betrachtungen im Mittelpunkt, die weiblichen und männlichen Zeugungsbeiträge wurden intensiv diskutiert. Der Analyse antiker Quellen ist eine Zusammenfassung griechischer und römischer Gesellschaftssysteme vorangestellt. Vor ihrem Hintergrund macht Voß deutlich, dass die Zeugung legitimen Nachwuchses die Fragestellungen antiker Naturphilosoph_innen und Ärzt_innen bestimmte, und Geschlechtertheorien in gesellschaftliche Zusammenhänge eingebunden waren (und sind).

Die antiken Geschlechterbetrachtungen wirkten im Mittelalter und der Neuzeit fort. Galenos’ Lehren wurden systematisiert und durch eigene Beobachtungen angereichert. Erst in der Renaissance ergänzten auch eigene Untersuchungen die Rezeption antiker Lehren, die an sich aber nicht in Frage gestellt wurden. Einige Neuerungen brachte die Anatomie, doch obwohl die Sektion menschlicher Leichen einige Fehler galenischer Medizin aufdecken ließ, behielt diese weiterhin ihre Gültigkeit. Geschlechtliche Differenzen wurden nunmehr für Körpermaße, Muskulatur, Körperfett und einige Organe ausgeweitet, ab dem 16 Jh. auch für Skelette.

Der weiblichen Konstitution wurden fast durchgehend negative, untergeordnete Merkmale angeheftet; ‘natürliche’ Inferiorität und mangelnde geistige Leistungsfähigkeit mache die Frau minderwertig gegenüber dem Mann. Als angeboren und unabänderlich konzipiert, begründete die postulierte Minderwertigkeit die Verweigerung der Rechtsfähigkeit und der Teilhabe an Bildung und Gesellschaft. Die Verflechtung gesellschaftlicher Verhältnisse und medizinisch-biologischer Geschlechterkonstruktionen ist deutlich herausgearbeitet.

Hat der Geist ein Geschlecht?

Im zweiten Kapitel behandelt Voß moderne Geschlechtsbetrachtungen in Biologie und Medizin. Die in der Aufklärung aufkommende Trennung von Geist und Körper eröffnete einen neuen Diskussionsraum: obwohl an postulierten körperlichen Differenzen festgehalten wurde, vertrat eine an Gleichheit der Geschlechter orientierte Strömung der Aufklärung die These von der Gleichheit geistiger Fähigkeiten von Frau und Mann. Andere hingegen dehnten den Geschlechtsunterschied auch auf Geist und Vernunftbegabung aus. Eine zentrale Frage war, ob die Unterschiede angeboren oder Ergebnis von Entwicklungsprozessen seien. Daran knüpfte sich die Frage nach der Teilhabe der Frauen an Bildung und Gesellschaft an. Der fortwährende Ausschluss der Frauen von Politik und Wissenschaft widersprach aufklärerischen Idealen der Gleichheit und bedurfte daher einer wissenschaftlichen Begründung durch eine ‘tatsächlich vorzufindende’ Geschlechterdifferenz. Ausführlich schildert Voß die Wechselwirkungen gesellschaftlicher Auseinandersetzungen und sich konstituierender biologisch-medizinischer Wissenschaften.

Neue Techniken (Sektionen, Mikroskopie) veränderten die Forschungspraxis, die Entwicklung der Drucktechniken ermöglichte eine weite Verbreitung der Veröffentlichungen, und ‘Geschlecht’ war – nicht zuletzt dank vieler Abbildungen – ohnehin ein spannendes Thema. Wo denn nun genau ein binärer Geschlechtsunterschied vorliege, wurde kontrovers diskutiert; dass es ihn geben muss, war durch die binäre Geschlechterordnung, biblische Darstellungen und antike naturphilosophische Theorien vorweggenommen (S. 121). Nach P. Roussel fänden sich Unterschiede nunmehr in allen Teilen des Körpers und waren angeborene, ‘natürliche’ weibliche Charakteristika. Darunter waren auch psychische und moralische Eigenschaften, die nach seiner Auffassung für die Lebensweise und Betätigungsfelder von Frauen Einschränkungen bedeuteten: ihre wichtigste Aufgabe sei die Mutterschaft, für politische Tätigkeiten seien Frauen untauglich, weil unbeständig.

Die Theorien wurden in spezialisierten Untersuchungen vertieft, die Unterscheidung der Verstandeskräfte weiter ausgeführt und die auch heute noch durchaus populäre Auffassung, „dass das Weib mehr fühlt als es denkt, der Mann dagegen mehr denkt als er fühlt“ (S. 150) vertreten. Schließlich kristallisierten sich das Gehirn und die Geschlechtsteile als vermeintlich geschlechtsunterscheidend heraus.

Mit den technischen Neuerungen Ende des 18. und Anfang des 19 Jhs. wurde die Debatte um Geschlechtsteile einer ‘kritischen Öffentlichkeit’ nach und nach entzogen, denn die nun als geschlechtsbestimmend gedachten Faktoren wurden in Strukturen verlagert, die nur für ‘Experten’ sichtbar waren. Von einer kritischen Diskussion unbehelligt, „konnten sie zu den fundamentalen ‘wahren Kennzeichen’ von Geschlecht aufsteigen“ (S. 144). Kritik aus emanzipatorischen Richtungen wurde (und wird) nun mit dem Argument zurückgewiesen, dass sie sich nicht auf die gleichen mikroskopischen Untersuchungen stütze.

Die Auffassung geschlechtlicher Differenz als Resultat von Entwicklungsvorgängen war meistens mit Gedanken der Höherentwicklung männlichen Geschlechts, das als ‘Tätiges’ beschrieben wurde, verbunden, während weibliches Geschlecht als eine Art auf der Strecke gebliebene, halbfertige, passive, kindliche Vorstufe dasteht. Diese Vorstellung vertrat u.a. C. Darwin, sie ist auch heute in der (Entwicklungs- und Evolutions-)Biologie präsent. Die Einordnung der Frau auf einer tieferen Entwicklungsstufe wirkte sich auf die Differenzbeschreibungen aus, die weibliche Inferiorität in Bezug auf die (Sinnes-)Wahrnehmung, Intelligenz und schöpferische Tätigkeiten postulierten und damit ihren Ausschluss von höherer Bildung zementierten. Neben den Aussagen über die Bildungsfähigkeit von Frauen und Männern wurde (und wird) versucht, typisch weibliche oder typisch männliche Merkmale des Verstandes abzuleiten. Im Kern dieser Debatten ging es darum, ob Emanzipationsbestrebungen von Frauen als berechtigt anerkannt oder als widernatürlich zurückgewiesen werden sollten. ‘Natürliche Unterschiede’ sollten die kulturelle Position von Frauen in der Gesellschaftsordnung begründen: „Vor diesem Hintergrund und vor dem Hintergrund eines größeren Legitimationsbedürfnisses, Frauen politische Rechte auf Grund von Geschlechtszugehörigkeit verwehren zu können, sahen sich (meist männliche) biologische und medizinische Wissenschaftler/innen genötigt/berufen, durch empirische Untersuchungen Geschlechterdifferenzen nicht nur zu behaupten, sondern zu ‘beweisen’“ (S. 168). Die gleichen Argumente, mit denen eine Minderwertigkeit der Verstandeskräfte von Frauen behauptet wurde, wiederholten sich in der Debatte um angebliche Minderwertigkeit nicht-europäischer Menschen gegenüber europäischen Männern. Dem Drängen der Frauen in die Wissenschaften sollte ein (biologischer) Riegel vorgeschoben werden, zudem sollte das Aussterben der Stadtbevölkerung verhindert werden, da ja unter steigender Gehirntätigkeit die Fortpflanzungsfähigkeit leide (S. 179).

Es gab allerdings auch eine Gegenbewegung, die ein regulär mögliches Studium für Mädchen/Frauen und völlige Gleichberechtigung der Geschlechter in der Wissenschaft forderte. Antifeministische Schriften wurden fundiert gekontert, die Geschlechterdifferenzen auf Sozialisationsprozesse zurückgeführt. Während einige Biolog_innen und Mediziner_innen versuchten, eine geistige Minderwertigkeit der Frauen empirisch zu belegen, positionierten sich andere Gelehrte gegen diese Annahme. „Das Gehirn als ‘Austragungsort’ für Debatten um Geschlechterdifferenz und -gleichheit kam indes bis heute nicht aus der Mode“ (S. 182). Dass es geschlechtsspezifische Begabungen gebe, dass Frauen und Männer für unterschiedliche Tätigkeitsbereiche geeignet seien, ist auch heute noch ein Gemeinplatz.

In allen Epochen, durch die die vorliegende Untersuchung führt, war ‘Geschlecht’ ein prominentes Thema, mit dem man sich sehr beharrlich befasste. Während aus der gesellschaftlichen Perspektive klar zu sein schien und scheint, was ‘Geschlecht’ ist, und jede_r zu wissen glaubt(e), was ‘weiblich’ und was ‘männlich’ ist, war und bleibt es in Biologie und Medizin keineswegs klar und wird kontrovers diskutiert.

Die Eroberung der Uneindeutigen

Die Kriterien für die Geschlechtsdiagnose, um Menschen mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen einer der beiden Kategorien zuweisen zu können, ebenso wie die rechtlichen Bestimmungen, unterlagen einem zeitlichen Wandel. Zunächst orientierte sich die medizinische Feststellung des ‘wahren Geschlechts’ an vielfältigen Merkmalen wie: „Beischlaf- und Fortpflanzungsfähigkeit, die körperliche Erscheinung (Gestalt äußerer Genitalien, Beckenförmigkeit, Gestalt der Brüste, Körperbehaarung), physiologische Prozesse (Männer sollten ejakulieren, Frauen menstruieren können) sowie die insbesondere auf Sexualität orientierte Geschlechterrolle (ausgehend von der sexuellen Orientierung auf das Gegengeschlecht)“ (S. 197). Im Zweifelsfall wurden auch Verhaltensmerkmale wie z.B. Kleidung und sexuelle Orientierung mit einbezogen. Bei nicht feststellbarem Vorherrschen eines Geschlechts gab es im Kirchenrecht des 13 Jhs. die Option, dass sich ein Hermaphrodit an Eides statt für eine der beiden Geschlechterrollen entscheiden und davon sein Leben lang nicht mehr abweichen durfte.

Seit dem Anfang bzw. der Mitte des 19 Jh. galten Keimdrüsen als einzig sichere Merkmale der Geschlechtszuordnung bei uneindeutigem Geschlecht: es musste festgestellt werden, ob ein Mensch Hoden oder Eierstöcke besaß. Während am Anfang des 20 Jhs. Untersuchungen im Körperinneren noch gefährlich und selten waren, hatte die Weiterentwicklung der Untersuchungsmethoden (Laparotomie, Mikroskopie, Biopsie) für betroffen gemachte Menschen gravierende soziale Folgen: sie wurden plötzlich mit einer medizinischen Geschlechtsdiagnose konfrontiert, bekamen dadurch die zu lebende Geschlechterrolle zugewiesen und mussten sie in die Praxis umsetzen. Menschen, deren Geschlecht bislang niemand in Frage stellte, wurden zu Hermaphroditen. Die Anzahl der Menschen, bei denen Geschlecht problematisiert wurde, nahm mit der Weiterentwicklung medizinisch-technischer Möglichkeiten zu.

Favorisierte man in den ersten Jahrzehnten des 20 Jh. eine späte Behandlung, da das Geschlecht sich erst vollständig entwickeln müsse, änderte sich das fundamental mit der Annahme, die Geschlechterrolle werde durch Erfahrungen und Lernprozesse im Alter von eineinhalb Jahren bis zum dritten oder vierten Lebensjahr geprägt. Hervorgehoben wurde, dass ein gesellschaftlich als eindeutig bewertetes Geschlecht insbesondere für die soziale Umwelt und deren Erwartungen notwendig sei. Bei Kindern, die in den ersten Lebensjahren kein eindeutiges Geschlecht erfahren, könne die psychosexuelle Entwicklung gestört sein und präge sich womöglich keine Heterosexualität aus (S. 223). Eine möglichst frühere Zuweisung eines von zwei Geschlechtern wurde empfohlen, eine operative und hormonelle Angleichung an das zugewiesene Geschlecht sollte bis zum 18. Lebensmonat erfolgen. Im Mittelpunkt der Behandlung stand ein dem zugewiesenen Geschlecht entsprechendes Aussehen der Genitalien, heterosexuelle Funktion und Urinierfunktion ohne Inkontinenz. Die betroffen gemachten Menschen sollten von der Behandlung später nichts erfahren, um die Etablierung der zugewiesenen Geschlechterrolle nicht zu gefährden. Die Usurpation der biologischen und sozialen Geschlechtsdefinition durch die Medizin war vollendet.

Auch wenn in den letzten Jahren von einem Paradigmenwechsel die Rede ist, weisen Kritiker_innen darauf hin, „daß mit der Diagnose ‘Intersexualität’ ein starker Druck aus einer heteronormativen zweigeschlechtlichen gesellschaftlichen Matrix gegeben sei und dass den fachlichen Aussagen von Mediziner/innen, gerade in einer von vielen als schwer betrachteten Situation, ein besonderes Gewicht zugemessen werde. […] Die Entscheidung sei abhängig von der (qualifizierten) Beratung durch die Mediziner/in, abhängig auch von den zur Verfügung stehenden und vorgeschlagenen Techniken und erfolge vor dem Hintergrund gesellschaftlicher und medizinischer Problematisierungen und Pathologisierungen uneindeutiger Genitalien, die nach wie vor als medizinisch, familiär, gesellschaftlich unakzeptabel angesehen werden. Damit könne die Entscheidung der Patient/in oder ihrer Eltern kaum ‘selbstbestimmt’ genannt werden“ (S. 225 – 226). Zudem weist Voß zurecht darauf hin, dass Eltern bei der Entscheidung auch Eigeninteressen verfolgten (z.B. Ängste vor Diskriminierungen), die sich nicht zwangsläufig am Wohl des Kindes orientieren müssten, und deshalb eher zu frühen geschlechtszuweisenden Operationen tendieren. Offenbar bleibt die Kritik von Menschen, die sich nicht in das Zweigeschlechtersystem einordnen, nicht wirkungslos: einige Biolog_innen (z.B. A. Fausto-Sterling) plädieren für Entpathologisierung der Intersexualität.

Mäuse, Gene, Chromosome

Im dritten und letzten Kapitel der Arbeit untersucht Voß aktuelle biologisch-medizinische Forschungsarbeiten, die Chromosomen und Gene fokussieren. Zum einen fällt bei der Betrachtung zeitgenössischer Artikel auf, dass nicht klar ist, nach welchen Kriterien die Einteilung in ‘weiblich’ und ‘männlich’ erfolgt. Auch ist die Verwendung der Begriffe ‘Geschlechtsdetermination’ und ‘Geschlechtsdifferenzierung’ konfus. Zudem werden nur zwei Möglichkeiten der Entwicklung in Erwägung gezogen und als ‘normal’ beschrieben, dichotome geschlechtliche Determination wurde und wird weiterhin in Untersuchungen vorausgesetzt. Die androzentrische Auffassung, dass ‘weibliche Entwicklung’ ohne weiteres Zutun ablaufe, wogegen für ‘männliche Entwicklung’ ein induzierender aktiver Entwicklungsschritt als notwendig angenommen wird, ist innerhalb der Biologie immer noch dominant und führt dazu, dass nach dem Faktor gesucht wird, der eine ‘männliche Entwicklung’ einleite.

Nach einer ausführlichen Darstellung der Chromosomen und Gene, die bei der Geschlechtsdetermination als beteiligt angesehen werden (S. 246 – 282), kritisiert Voß die Auswahl einiger Chromosomen als ‘Geschlechtschromosomen’ und die Vorannahme der Zweigeschlechtigkeit, durch die die Fragestellungen und Ergebnisse geprägt sind. Die „statische Betrachtung von Chromosomen als Faktoren, durch die bereits die – zudem binäre – Geschlechtsdetermination vollzogen bzw. vorgeschrieben sei“, simplifiziere so sehr, „dass sie nicht mehr in der Lage ist, sich tatsächlich ablaufenden physiologischen Prozessen anzunähern“ (S. 287).

Untersuchungsergebnisse werden dadurch beeinflusst, dass eine vergeschlechtlichte Vorauswahl der Proben getroffen wird, dadurch werden andere Interpretationen der Resultate als binär-geschlechtliche verunmöglicht.

Ferner kritisiert Voß das gängige Gen-Modell und plädiert für eine Erweiterung der Definition von Epigenetik, „wobei komplexe Mechanismen […], deren Prozesshaftigkeit, Wechselwirkung und Kommunikation sowie ihre Einbindung in den Organismus und in die umgebende Umwelt mit einzubegreifen sind“. Die Forschung soll „sich Ansichten prozesshafter Entwicklung und Differenzierung“ zuwenden, „anstatt weiterhin auf die weitgehende Präformation eines Organismus in ‘Genom’ oder ‘Epigenom’ zu simplifizieren“ (S. 304).

Ein wahres Hindernis ist zudem die Einteilung von beschriebenen Prozessen in ‘Normalität’ und ‘Abweichung’. Allein der Sprachgebrauch in der Genetik ist unzulässig normalisierend und problematisch, weil er nicht wertende Aussagen erschwert. Auch die Verknüpfung von ‘Häufigkeit’ mit ‘Normalität’ lehnt Voß mit gutem Grund ab: „da Individuen eines als ‘normal’ betrachteten Erscheinungsbildes in der Biologie seltener untersucht werden oder lediglich zu Mittelwerten einer Vergleichsbasis subsumiert werden und weil Menschen eines als ‘normal’ betrachteten Erscheinungsbildes seltener einen Grund haben, wegen dieses Merkmals Mediziner/innen zu konsultieren“ (S. 318). Ähnliche phänotypische Merkmale können individuell unterschiedliche Entwicklungsgeschichten haben. Die Vorannahme ‘normal’ bzw. ‘unnormal’ versperrt in den Untersuchungen von Entwicklungsvorgängen wesentliche Einsichten. Voß plädiert dafür, auf eine solche wertende und nutzlose Aussage zu verzichten und Beschreibungen auf einer nicht-normativen Ebene der Feststellung von Häufigkeit zu belassen.

Zweigeschlechtliche Gesellschaftsordnung nötigt die Wissenschaft, ‘Geschlecht’ als ‘weiblich’ oder ‘männlich’ zu erkennen, um jeden Menschen einer der beiden Kategorien zuweisen zu können. Gleichfalls wirken Biologie und Medizin an der Herstellung dieser Ordnung mit und postulieren die zwei Geschlechter als ‘natürlich’ und unabänderlich.

Ganz wichtig ist an dieser Stelle an die Verantwortung von biologischen und medizinischen Geschlechtstheorien zu appellieren, da sie praktische Auswirkungen haben wie die in westlichen Gesellschaften praktizierte Verstümmlung von Kleinkindern zwecks eindeutiger Geschlechtszuweisung. Mit dem Aufrechterhalten zweigeschlechtlicher Norm liefern Medizin und Biologie das Fundament für solche Eingriffe. Dabei sollte es vor dem Hintergrund des Hippokratischen Eides selbstverständlich sein, dass Mediziner_innen sich gegen solche Eingriffe positionieren!

Fazit: Ein sehr überzeugendes, gut geschriebenes, leser_innen_freundliches Buch, das längst überfällig war. Es bleibt zu hoffen, dass es (nicht nur) Mediziner_innen und Biolog_innen hilft, ihre dogmatischen Vorannahmen zu überwinden und sich den Menschen wie Du und Ich mit unseren Eigenschaften und Bedürfnissen zuzuwenden – ein ‘Geschlecht’ ist dafür nicht nötig.

Heinz-Jürgen Voß (Dr. phil., Dipl.-Biol.) hat Biologie studiert, nach einer interdisziplinären Weiterbildung an der Uni Bremen promoviert, lehrt zu Geschlecht und Biologie an verschiedenen Universitäten und hat auch ein Blog: “Das Ende des Sex: biologisches Geschlecht ist gemacht”.

6 Kommentare zu “Heinz-Jürgen Voß: Making Sex Revisited. Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive”

  1. Rezension von „Making Sex Revisited“ in L.Mag, Krisis und auf genderqueer.de « Das Ende des Sex: Biologisches Geschlecht ist gemacht.:

    […] genderqueer erschien am 2.7.2010 eine Rezension, die hier nachlesbar […]


    03.07.2010
  2. Rezensionen und Besprechungen von „Making Sex Revisited“ « Das Ende des Sex: Biologisches Geschlecht ist gemacht.:

    […] genderqueer erschien am 2.7.2010 eine Rezension, die hier nachlesbar […]


    03.07.2010
  3. Rezension von „Making Sex Revisited“ in L.Mag, Krisis und auf genderqueer.de « meta . ©® . com:

    […] genderqueer erschien am 2.7.2010 eine Rezension, die hier nachlesbar […]


    08.07.2010
  4. Sendung | 29. September 2011 bei Chilligays:

    […] 14. Juli hier nicht dokumentieren, aber im Web finden sich einioge Kritiken zu diesem Buch, z.B. hier und hier    Vortrag J.Voss am 14.7.11 [57:58m]: Play Now | Play in Popup | Download […]


    18.10.2011
  5. Rezension von „Making Sex Revisited“ in L.Mag, Krisis und auf genderqueer.de | Das Ende des Sex::

    […] genderqueer erschien am 2.7.2010 eine Rezension, die hier nachlesbar […]


    01.06.2013
  6. Rezensionen und Besprechungen von „Making Sex Revisited“ | Das Ende des Sex::

    […] genderqueer erschien am 2.7.2010 eine Rezension, die hier nachlesbar […]


    01.06.2013