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gender:queer


Buch: Gendering Disability – Intersektionale Aspekte von Behinderung und Geschlecht

fux am 04. 04. 2011

Der Sammelband “Gendering Disability”, herausgegeben von Jutta Jacob, Swantje Köbsel und Eske Wollrad, erschienen im Transcript-Verlag, vereint 13 Beiträge, die sich mit den Konstrukten „Geschlecht“ und „Behinderung“ und ihren Interdependenzen befassen. Im ersten Teil werden grundlegende Aspekte diskutiert, der zweite Teil widmet sich der praktischen Anwendung.

Im ersten Teil scheint darüber Einigkeit zu bestehen, dass “Geschlecht” und “Behinderung” gesellschaftliche Konstrukte sind, deren hierarchische Bewertung im Alltag weitreichende Konsequenzen hat. Swantje Köbsel problematisiert das Verschwinden des Körpers aus dem Diskurs der Disability Studies (S. 24 ff.): einerseits wurde die Behinderung dadurch im Sinne des sozialen Modells entmedikalisiert, anderseits wird der beeinträchtigte Körper der Medizin überlassen. Die duale Einteilung in Beeinträchtigung und Behinderung (analog zu Sex und Gender) ermöglichte es, Geschlecht und Behinderung als soziale Konstruktionen zu verstehen, führt aber auf der anderen Seite dazu, den nicht als gesellschaftlich gemacht angesehenen Teil zu naturalisieren und ahistorisch zu betrachten, und verfestigt die Dichotomie “Natur – Kultur”. Gefordert wird, diese Dualität zu überwinden, damit auch die Beeinträchtigung eine gesellschaftliche Dimension erhält, und die Interaktion von Beeinträchtigung und Behinderung sichtbar werden kann (S. 28).

Anne Waldschmidt bringt es im nachfolgenden Beitrag auf den Punkt: “Offensichtlich stellt der Körper das entscheidende Machtfeld dar, auf dem die Kämpfe um soziale Teilhabe ausgetragen werden” (S. 38). Die Intersektionen von Behinderung, Normalität und Geschlecht werden am Fall von “Mädchen Ashley” veranschaulicht – dieses extreme „Beispiel von medizinisch-paternalistischer Gewalt“ eignet sich hervorragend für die Intersektionsdebatte, weil “sich Geschlecht und Behinderung nicht als getrennte Kategorien gegenüber stehen, sondern vielmehr das Zusammenspiel von “sex” und “impairment”, “gender” und “disability” im Ergebnis eine Matrix ergibt” (S. 58).

Eine Schwarze Perspektive auf Verwobenheiten zwischen Ableism und Sexismus schildert Christiane Hutson im Beitrag “mehrdimensional verletzbar”. Persönliche Erfahrungsberichte werden auf verschiedene Formen von Gewalt und ihnen zugrunde liegende Machtstrukturen hin untersucht. Zum Beispiel die Verkindlichung einer Schwarzen Frau mit Krebs durch den Arzt greift gleichzeitig in rassistischen, sexistischen und ableistischen Hierarchiedimensionen (S. 63). Hutson kritisiert das Ausblenden von Erfahrungen kranker und behinderter People of Color von weiß dominierten Behindertenbewegungen (S. 62), das zum einen dazu führt, dass betroffen gemachte Menschen ihren vielschichtigen Gefühlen von Verletztheit wenig Aufmerksamkeit schenken, zum anderen werden rassistisch verletzende Erfahrungen als allgegenwärtiger Stressfaktor in der psychosozialen Forschung und Praxis kaum berücksichtigt: es gibt für Schwarze Menschen in akuten Krisensituationen keinen Ort, der frei von Rassismus ist (S. 67). Postkoloniale Theorieansätze helfen, den Zusammenhang zwischen rassistischer und ableistischer Gewalt zu verstehen: “rassistische Gewalt ist grundlegend in den “Heilungsprozess” von Schwarzen Menschen eingebunden”, mit dem Ergebnis: “Kranke und behinderte People of Color können dadurch ableistischen und rassistischen Strukturen ausgesetzt sein, die weder weiße kranke oder behinderte Menschen noch “gesunde” nicht-behinderte People of Color erfahren” (S. 69).

Verbindungen zwischen Behinderung, Heteronormativität und Geschlecht in massenmedialen Darstellungen analysiert Heike Raab im Beitrag “Shifting the Paradigm: “Behinderung, Heteronormativität und Queerness”. Raab geht auf das Konzept von Queerness als politische Praxis verschiebender Körpernormen bzw. -politiken ein, die “über die Techniken der Entnormalisierung des Körpers eine Veränderung der gesellschaftlichen Ordnung” anstreben, wobei Sichtbarkeit und Öffentlichkeit eine zentrale Rolle spielen (S. 74), aber auch “die Gefahr einer neuerlichen Festschreibung von Repräsentationen” bergen, z.B. als “subkulturelle Szene-Norm” (S. 92).

Was heißt hier “gendern”?

Die im ersten Teil bereits thematisierte Konstruktion behinderter Menschen als asexuell und ageschlechtlich steht im Fokus des zweiten Teils des Bandes. Der aktuelle Wandel – die Öffnung der Kategorie “Geschlecht” für Menschen, die als “behindert” gelabelt sind – wird als Fortschritt gefeiert. Kritisch finde ich jedoch, dass in der Praxis heteropatriarchale Zweigeschlechtigkeit unhinterfragt reproduziert wird. Das Zugestehen einer Geschlechtsidentität läuft auf eine Zuweisung stereotyper Geschlechterrollen hinaus, und das hat mit Selbstbestimmung ebenso wenig zu tun wie das Absprechen von Geschlecht in der Vergangenheit. Sexualität wird mit dem “Interesse für das andere Geschlecht” (S. 161) gleichgesetzt; Sexualaufklärung auf die Bereiche “Verhütung/Geburt/Unterschied Mann und Frau” reduziert (S. 157). Ein Beispiel aus einem Interview, in dem eine weiblich identifizierte Person erklärt, dass sie als behinderte Person viel Ablehnung erfährt und auf Mutterschaft deshalb verzichtet, weil ihre Kinder in der Gesellschaft nicht erwünscht sind, und sich daher in eine Frau verliebt (S. 165), bleibt unkommentiert stehen. Wie homophob muss das Umfeld einer Person sein, dass sie auf die Idee kommt, ihre gleichgeschlechtliche Liebe damit zu “rechtfertigen”, dass ihr die Eignung für eine heteronormative Frauenrolle abgesprochen wird?

Die Kritik, dass Frauen in Wohneinrichtungen von männlichen Pflegekräften gewaschen werden (S. 160), lässt offen, ob sie von den betroffenen Personen selbst stammt oder auf einem heteronormativen Weltbild der Autor_in basiert. Das eigentliche Problem wird dabei nicht thematisiert: dass sich Menschen in Wohneinrichtungen nicht aussuchen können, wer sie wäscht. Bedenklich ist dabei der Versuch, sexuelle Gewalt mit “Nichtthematisierung von Unterschieden zwischen den Geschlechtern” und “Überschreitungen von Schamgrenzen, was die Geschlechterverhältnisse zwischen Betreuer_innen und Bewohner_innen angeht” zu erklären, basiert er doch auf der irreführenden Vorannahme, dass sexuelle Gewalt ausschließlich von männlichen Tätern ausgeübt wird und sich gegen weibliche Opfer richtet (vgl. täterinnen.de). Stattdessen wäre es sinnvoll zu hinterfragen, inwiefern die Kategorie “geistig behindert” und damit einhergehende Unterstellung von Einwilligungsunfähigkeit, die Abhängigkeitsverhältnisse in Wohneinrichtungen und die vermutlich in den meisten Fällen ausbleibende strafrechtliche Verfolgung (sexuelle) Gewalt gegen Bewohner_innen begünstigen.

Die Entdeckung, dass behinderte Menschen ebenfalls ein Anrecht auf Geschlecht haben, ist zwar grundsätzlich positiv zu bewerten, doch im praktischen Umgang, der sich auf binäre Geschlechterordnung beschränkt, wird ihnen nicht die Vielfalt zugestanden, die der nichtbehinderte Teil der Bevölkerung mittlerweile erstritten hat. Crip Cultures, “in denen alternative Formen von Erotik und Geschlechtlichkeit gelebt werden” (S. 82), werden in der Praxis offenbar gänzlich ausgeblendet. Die “best practice” Beispiele basieren allesamt auf der problematischen Vorannahme, dass es nur zwei Geschlechter gebe – männlich oder weiblich -, und dass Geschlechtsidentität stets mit dem zugewiesenen “anatomischen” Geschlecht übereinstimme und daraus “geschlechtsspezifische Interessen, Bedürfnisse, Problemlagen etc.” (S. 176) abzuleiten seien. Hinter dem “gendersensiblen” Umgang, der gewiss vonnöten wäre, verbergen sich “Frauenabende” und “Männerabende” mit stereotypen Freizeitaktivitäten in “geschlechtshomogenen” Gruppen: Liebesfilme und Schmuckgestaltung für Frauen, Actionfilme und Sexgespräche für Männer (S. 179). Zentrales Ziel des als vorbildlich charakterisierten Projektes “Bo(d)yzone” war die Unterstützung von Jungen bei der Artikulation ihrer Sichtweisen, Hoffnungen, Wünsche und Bedürfnisse (S. 186) und umfasste u.a. Selbstbehauptungstraining sowie Lebens- und Berufsorientierung (S. 187) – klingt gut, doch was hat das mit “Geschlecht” zu tun? Die präsentierten Ergebnisse hinterlassen den Eindruck, dass vor allem die Aneignung heteronormativer Männlichkeit als Erfolg galt. Jo Berg plädiert für eine “Balance zwischen Normalität und Vielfalt” und findet den “Bezug auf Leitfiguren, die männliche Orientierungsmuster und Männlichkeitsnormen verkörpern” hilfreich (S. 196). Das hegemoniale Männlichkeitskonzept wird weder kritisch hinterfragt noch seine Eignung als Lernziel reflektiert. Die von Berg als Schlusswort gestellte Frage: “Warum benötigen wir die Ordnungskategorie “Behinderung”, bzw. warum zerstören wir mit der binären Codierung Behinderung-Nichtbehinderung die Gemeinsamkeiten?” (S. 205) stellt sich ebenso für die Kategorie “Geschlecht”!

Trans* und intergeschlechtliche Menschen finden in den Beiträgen gar keine Erwähnung, ebenso werden homosexuelle und queere Identitäten ausgeblendet. Die ausschließlich zweigeschlechtliche heteronormative Ausrichtung der neuen Geschlechtspädagogik ist gerade für die Menschen, die systematisch isoliert und ausgeschlossen werden, die hinsichtlich Mobilität und sozialer Teilhabe regelmäßig behindert werden, in ganz besonderer Weise nachteilig: wie sollen sie alternative (zu heteropatriarchalen) Lebensentwürfe kennenlernen, selbstbestimmt außerhalb von Einrichtungen Kontakte knüpfen, sich Informationen verschaffen und sich gegenüber Fachpersonen durchsetzen, wenn sie ihre Identitäten und Begehren nicht ernst nehmen oder gar nicht erst als solche zu erkennen vermögen?

Angesprochen wird eine Überforderung und gar Hilflosigkeit von Fachpersonen, insbesondere im Umgang mit dem Thema Sexualität (S. 157 ff.). Der Aufforderung von Anke Langner an Pädagog_innen, den Menschen “die Aneignung der Identitätsbereiche Körper und Liebe nicht mehr weiter vorzuenthalten“ (S. 165) ist unbedingt zuzustimmen; zu Recht bemerkt Langner, dass Pädagog_innen “sensibler und reflektierter werden [müssen] auch bezüglich ihres eigenen Erlebens von Geschlecht und ihres normierenden Blicks auf Menschen mit “geistiger Behinderung”” (S. 166). Dazu gehört eben auch eine kritische Auseinandersetzung mit dem System der Zwangsheterosexualität und Zweigeschlechtigkeit.

Während der erste Teil des Bandes mit seinen informativen Beiträgen vielfältige Aspekte des Gender und Disability Studies mehrdimensional beleuchtet und somit dem Titel gerecht wird, zeigen die Aufsätze des zweiten Abschnitts, dass der Diskurs im Alltag der Behindertenpädagogik und Rehabilitationswissenschaften noch lange nicht angekommen ist: Die Grundidee des Bandes, dass “Geschlecht” und “Behinderung” soziale Konstrukte sind, konnte sich dort leider noch nicht wirklich durchsetzen.