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gender:queer


Die Vertreibung aus dem Serail

fux am 14. 10. 2008

Dass Muslime homophob seien, ist in Deutschland ein Gemeinplatz. Am deutlichsten zeigte er sich im baden-württembergischen Gesprächsleitfaden für Einbürgerungsbewerber_innen, der am 1. Januar 2006 eingeführt wurde und bei Muslimen und allen Bewerber_innen aus den Staaten der Islamischen Konferenz vorgeschrieben war. Unter anderem erkundigte sich die Ausländerbehörde nach der Einstellung der Bewerber_innen zu „Homosexuellen“, wobei die Fragen implizierten, dass Homophobie ein islamisches Problem sei.

In der Ankündigung zum Workshop “Homophobie und antimuslimischer Rassismus” der Antifa-Konferenz wird dieser Widerspruch auf den Punkt gebracht:

Dass sich hier lebende Muslime, die in ihrer Mehrheit aus einem Staat stammen, in dem gleichgeschlechtlicher Sex schon seit 84 Jahren nicht mehr strafbar ist, nun ausgerechnet von einer CDU-Behörde fragen lassen sollen, wie sie es mit „Homosexuellen“ hielten, ist an historischer Amnesie eigentlich schon nicht mehr zu überbieten. Denn es waren bekanntlich die C-Parteien, die den berüchtigten Homoparagraphen 175 zwei Jahrzehnte lang in seiner verschärften Nazifassung konservierten. Statt sich aber gegen ihre Instrumentalisierung für rassistische Zwecke zu wehren, brachten es verbandspolitisch organisierte Schwule fertig, die Konservativen dafür zu preisen, dass sie Moslems vor ihrer Einbürgerung einem vermeintlich homofreundlichen Rigorosum unterziehen.

Diese Haltung zieht sich wie ein roter Faden durch die Medien schwul-lesbischer Organisationen. So hat der Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg e.V. seit 2004 eine ‘Sensibilisierungkampagne zum Thema Homosexualität und Migration’ durchgeführt. “Dazu zählten die Plakatkampagnen ‘Kai ist schwul – Murat auch’ sowie ‘Cigdem ist lesbisch – Vera auch’, verschiedene Flyer und Postkarten mit ähnlichen Motiven sowie die Auflage einer zweisprachigen Aufklärungsbroschüre ‘Liebe verdient Respekt – Sevgi Saygiya Deger'”-teilt der LSVD auf seiner Website mit. Dass der LSVD für seine Sensibilisierungskampagne ausgerechnet zwei Zielgruppen – Spätaussiedler_innen und türkeistämmige Bevölkerung – ausgesucht hat, ist sicher kein Zufall: Homosexuellenfeindlichkeit ist halt ein ‘migrantisches’ Problem und betrifft vor allem ‘Muslime’.

Auch “Berlins queeres Stadtmagazin Siegessäule” arbeitet eifrig daran, dieses Vorurteil zu verfestigen und Muslime als Feindbild der Community zu konservieren. Zum Beispiel berichtet die aktuelle Ausgabe (Oktober 2008):

Berlins Integrationsbeauftragte Günter Piening plant im Oktober einen „Runden Tisch“ zum Thema Homosexualität. Daran teilnehmen sollen Vertreter der Community und von islamischen Gemeinschaften. Ziel sei es, Vorurteile gegenüber Lesben und Schwulen abzubauen. Piening reagiert damit auf den homophoben Artikel im arabischsprachigen Anzeigenblatt al salam. Offenheit gegenüber Homosexuellen sei bei vielen traditionellen Einwanderergruppen nur ungenügend ausgeprägt, sagt Piening. Im November folge dann eine Fachtagung der Landesstelle für Gleichbehandlung – gegen Diskriminierung.

‘Islamische Gemeinschaften’ haben also Vorurteile gegenüber Lesben und Schwulen, die abgebaut gehören. Anlass dafür sei ein Artikel in einem arabischsprachigen Anzeigenblatt. Logisch: Wäre in einem deutschsprachigen Blatt ein homophober Artikel erschienen (rein hypothetisch, versteht sich), dann hätte der Integrationsbeauftragter sicher auch die Vertreter christlicher Gemeinschaften zum “Runden Tisch” geladen – oder?
Im vorletzten Satz wird Homosexuellenfeindlichkeit schließlich traditionellen Einwanderergruppen allgemein unterstellt, wobei die Haltung traditioneller Gruppen ohne ‘Migrationshintergrund’ weder thematisiert wird noch in das Spektrum missionarischer Bemühungen von LSVD und Siegessäule gerät. Und es ist nicht so, dass es dafür keinen Anlass gäbe: gleich unter dieser (in der Printausgabe größer gedruckten) Meldung zitiert die Siegessäule (kleiner gedruckt) die Entgleisungen der Fürstin Gloria Thurn und Taxis in der ARD-Sendung ‘Menschen bei Maischberger’ vom 9. September. Nach Ansicht der Fürstin ist Homosexualität ein ‘schweres Kreuz‘ und ‘contra naturam‘, dagegen helfe nur ‘viel beten‘. Diese öffentlich getätigten Äußerungen werden seltsamerweise nicht als Symptome homophober Gesinnung bei Christen oder traditionellen Gruppen gedeutet und führen nicht zu Sensibilisierungskampagnen à la LSVD.

Die Produktion rassistischer Erfahrung und selektive Auswertung am Beispiel der Siegessäule schildert Georg Klauda in seinem Blog F*cking Queers – Blog für sexuelle Desintegration:

Tatsächlich steckt hinter der Verarbeitung von Erfahrung durch den Rassisten eine höchst selektive Form der Theorie, nämlich ein Weltbild, wonach das, was Deutsche tun, “normal”, d.h. nicht weiter thematisierenswert sei, während das, was “Kanaken” tun, als Ausdruck einer abweichenden und in sich problematischen “Fremdkultur” gelesen werden müsse. Handlungen von Deutschen werden gesellschaftlich erklärt (d.h. mit der Möglichkeit sozialer Widersprüche und milieuspezifischer Varianz), während Handlungen von Migrant_innen kulturell interpretiert werden (d.h. widerspruchslos, ohne soziale Variation und von allen kollektiv geteilt).

In diesem Artikel analysiert der Autor den Siegessäule-Report von Martin Reichert über homophobe Vorkommnisse während der Kiss-In-Aktion. Ein Haufen besoffener Fußball-Hooligans grölt schwulenfeindliche Sprüche, ein älteres Ehepaar demonstriert ‘Oldschool-Homophobie’ – aber das ist ‘normal’ und wird weder als Ausdruck der ‘deutschen Kultur’ thematisiert noch problematisiert. Ganz anders bei sogenannten Migrant_innen. Fazit:

So schaut also rassistische “Erfahrung” aus: Homophobie (oder auch umgekehrt: die Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Liebe) wird sowohl unter Deutschen als auch unter Nichtdeutschen erlebt (wobei diese Kategorien natürlich ethnisch interpretiert werden und keine Staatsbürgerschaft bezeichnen). Aber der Rassist leitet daraus nicht etwa ab, dass Homophobie gar nichts mit “Ethnie” zu tun hätte. Er bleibt trotz seiner abweichenden Erfahrungen bei einer kategoriengeleiteten Interpretation, wonach Homophobie unter Migrant_innen als etwas Besonderes zu interpretieren sei, während sie bei Deutschen eine normale gesellschaftliche Erscheinung darstellt, die als solche nicht problematisiert werden muss. Zu problematisieren ist allein die “Ausländer”-Homophobie. Sie verlangt nach der Einleitung von Gegenmaßnahmen: Integrationskurse, Aufklärung, Missionierung etc. Sie ist etwas Andersartiges, nicht etwa weil man nachweisen könnte, dass “Kanaken” bei homophober Gewalt überrepräsentiert wären, sondern weil “Kanaken” kulturelle Fremde sind und ihr Verhalten deshalb abnorm.

Georg Klauda hat nun ein Buch zu diesem Thema geschrieben: “Die Vertreibung aus dem Serail: Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt” ist im Oktober erschienen. Aus dem Klappentext:

Islamische Staaten geraten durch die Verfolgung Homosexueller immer wieder in den Blickpunkt der westlichen Medien, die solche Vorfälle gern als Zeichen kultureller Rückständigkeit interpretieren. Einige Bundesländer schlugen deshalb vor, Muslime im Einbürgerungsverfahren nach ihrer Einstellung zu Homosexuellen zu befragen. Zeigen sich deklassierte Halbstarke aus Migrantenfamilien aggressiv gegenüber Schwulen, werden reflexhaft religiöse Motive unterstellt.

Dabei beschworen Homosexuelle die Kultur des Orient noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts als ein tolerantes Gegenbeispiel zu den Jahrhunderten religiöser und säkularer Verfolgung in Europa. Die klassische arabische Liebeslyrik z.B. ist voll von gleichgeschlechtlichen Motiven, die man in der Literatur des aufgeklärten Abendlands vergeblich sucht. Man mag kaum glauben, dass sich die Lebensweise in islamischen Gesellschaften in einer so kurzen Zeitspanne auf so einschneidende Weise geändert haben soll.Doch gerade diejenigen, die mit dem Finger auf die Homophobie der islamischen Welt zeigen, gehen jeder Erklärung dieses Wandels aus dem Weg.

Anhand zahlreicher historischer und aktueller Quellen belegt der Autor, dass die Schwulenverfolgung in Ländern wie Iran und Ägypten weniger das Relikt einer vormodernen Vergangenheit ist. Vielmehr handelt es sich um das Resultat einer gewaltsamen Angleichung an die Denkformen ihrer ehemaligen Kolonialherren, die Homosexuelle im Prozess der Modernisierung erstmals identifiziert, benannt und zum Objekt staatlichen Handelns gemacht haben. Homophobie ist eine Erfindung des christlichen Westens, die im Zuge der Globalisierung in die entlegensten Winkel dieser Welt exportiert wird.

Das Buch erschien im Männerschwarm Verlag und kostet ca. 16 Euro.

Ein Kommentar zu “Die Vertreibung aus dem Serail”

  1. link tip « f*cking queers:

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    23.10.2008